2015-2016

MannschaftEINS

Hintere Reihe v.l.n.r: Pascale Freches (MATOSS), Guido Faber (OPTIK FABER), Edoardo Korner (LA GRAPPA), Olivier Pip, Didier Franscheschi, Lorent Freches, Christopher Jost, Emmanuel Paquet (MHZ), Florian Feithen (TISCHLEIN DECK DICH), Peter Tandler

Vordere Reihe v.l.n.r: Kevin Sarlette, Janosch Alt, Antoine Freches, David Faber, Christoph Pip, Tom Johanns, Allan Bastin

 


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„Ich habe Angst vor Schnee“

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Stephane Benga Kpako war zentralafrikanischer Basketballnationalspieler. Seit Anfang Oktober lebt er im Elsenborner Fedasil-Zentrum. Dass man in Teilen Belgiens Deutsch spricht und hier Schnee fällt, wusste er vor seiner Ankunft nicht. Dass er jemals bei einem ostbelgischen Basketballklub anheuern würde, hätte er wohl auch nicht erwartet. „Doch ich fühle mich hier richtig wohl“, sagt der 21-Jährige.

 

 

Es ist Freitagabend im St.Vither Sport- und Freizeitzentrum. Um Punkt 20.30 Uhr betreten die Spieler des Basketballclub St.Vith jede Woche das Feld. Unter ihnen fällt in den letzten Wochen einer besonders auf und das nicht nur wegen seiner französischen Muttersprache und seiner Hautfarbe. Wenn Stephane Benga Kpako zum Wurf ansetzt, dann versenkt er fast jeden Ball. „Ich habe aber noch einiges an Trainingsrückstand aufzuholen“, erzählt der 21-Jährige motiviert. „Wenn man so lange nicht trainiert hat, dann verliert man an Zielgenauigkeit und auch an Kondition.“ Mitspieler vom BC St.Vith schmunzeln: Sie wissen genau, dass Stephane ihnen in den meisten Belangen überlegen ist. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass er in seinem Heimatland Zentralafrika in der Nationalmannschaft Basketball gespielt hat.

Über die Gründe seiner Flucht nach Europa gibt er sich relativ bedeckt. Nach mehrmaligen Nachhaken öffnet er sich jedoch ein wenig: „In meinem Land läuft einiges schief. Korruption und Mauschelei gibt es überall. Auch in den Nationalmannschaften. Ich sollte in diesem Jahr erstmals mit der Ersten Mannschaft unterwegs sein, aber ich habe es abgelehnt, an diesen korrupten Spielchen teilzunehmen. Daraufhin wurden meine Familie und ich bedroht, sie haben meine Geschwister geschlagen, usw. Aber das ist noch das Harmloseste…“ Darauf riet ihm sein Vater, das Land zu verlassen: „Das war die sicherste Lösung für alle.“ In sozialen Netzwerken wurden Texte über seine Flucht veröffentlicht: „Darin steht viel Blödsinn, beispielsweise über meinen Fluchtweg. Das stimmt alles nicht. Dort steht auch, dass der Trainer nicht auf mich zurückgreifen wollte. Dabei war es meine Entscheidung, die Berufung abzulehnen.“

Auf die Frage, was ihm blüht, wenn er nach Zentralafrika zurückkehren würde, antwortet er zunächst nicht. Dann macht er die Halsabschneider-Geste und sagt: „Sie würden mich wohl entführen. Was dann geschehen würde, will ich mir nicht vorstellen.“

So weit muss es jedoch jetzt noch nicht kommen. So lange sein Asylantrag läuft, liegt Stephanes Zukunft in Belgien, genauer gesagt vorerst im Elsenborner Auffangzentrum für Flüchtlinge. Dort befindet sich Stephane seit dem 6. Oktober. Sein Alltag war, wie er selbst beschreibt, von Anfang an sehr monoton: „Ich stehe morgens auf, gehe laufen, dusche, esse was und gehe in mein Zimmer. Auch wenn ich mich schnell mit Leuten gut verstehe, so fühle ich mich zwischen all den Syrern und Afghanen doch oft alleine. Wenn das Wetter gut ist, spiele ich auch draußen ein wenig Basketball. Aber nur, wenn es nicht zu kalt ist.“ Und solange kein Schnee liegt: „Ich habe Angst vor Schnee“, lacht der junge Afrikaner. „Ich hatte zuvor noch nie Schnee gesehen. Als es demletzt mal geschneit hat, bin ich nicht vor die Tür gegangen. Ihr seid doch verrückt, das ist viel zu kalt.“

Stephane kommt es also gelegen, dass er nun beim BC St.Vith untergekommen ist: „Das war eher Zufall. Vor ein paar Wochen sah mich eine Zentrumsbegleiterin draußen Basketball spielen, als es relativ kalt war. Sie kam zu mir und meinte, sie hätte Kontakte zu einem regionalen Basketballklub. Ich dachte zuerst, das seien wieder leere Versprechen und hatte nicht so recht daran geglaubt. Bis sie plötzlich an einem anderen Tag vor mir stand und sagte, dass ich meine Sachen packen soll. Wir würden jetzt direkt nach St.Vith fahren.“

Dort hatte der Verein ihn zunächst für die zweite Mannschaft eingeplant, die lediglich sporadisch trainiert und keine Meisterschaftsspiele bestreitet. „Nach seiner ersten Ballberührung war jedoch klar, dass der Junge definitiv was drauf hat“, erzählt Teamkollege Janosch Alt rückblickend. „Wir haben ihn dann sofort bei uns in der Ersten Mannschaft aufgenommen.“

Vorerst nimmt Stephane nur an den Trainings teil. „Er kommt fast öfters zum Training als manche Spieler des Teams“, lacht Janosch Alt. Eine Spielberechtigung hat Stephane jedoch noch nicht. „Wir setzten im Moment alle Hebel in Bewegung, damit er mit uns spielen darf. Er wäre definitiv eine Bereicherung für unser Team. Mit ihm könnten wir definitiv oben mitspielen.“ Erste Schritte hat der Verein schon unternommen. Fedasil ließ dem Klub kürzlich die nötigen Dokumente zukommen. Nun müssen weitere Schritte bei den Behörden und beim Verband eingeleitet werden. „Wir hoffen, dass dies so schnell wie möglich gehen wird. Aber es wird wohl noch ein bisschen dauern. Und wer weiß, vielleicht könnte es ihn, falls sein Asylantrag akzeptiert wird, in ein paar Jahren in höhere Ligen, wie beispielsweise nach Luxemburg, ziehen.“ Stephane sieht das als gläubiger Christ alles gelassen: „Gott entscheidet, wie meine Zukunft aussieht.“

Bis dahin wird Stephane weiterhin gewissenhaft mit den St.Vithern trainieren und vor allem Spaß haben. Denn in St.Vith hat Stephane nicht nur Teamkollegen, sondern auch und vor allem Freunde gefunden. Da er weder Geld noch Klamotten hatte, als er nach Belgien gekommen ist, stellten ihm die St.Vither Spieler eine Basketballausrüstung zur Verfügung. Im Lager in Elsenborn läuft er auch oft mit einem St.Vith-Poloshirt durch die Gegend. „Alle sind hier so nett zu mir. Ich mag es mit ihnen zu spielen“, erzählt Stephane, der vor allem zu Janosch Alt einen guten Draht besitzt. Statt nach den Trainings nach Elsenborn zurückzukehren, schläft Stephane oft in Janosch Alts Gästezimmer: „Ich verstehe mich richtig gut mit ihm, auch mit seiner Familie. Ich gehe manchmal bei ihnen Essen und seine Vettern fahren mich oft nach Elsenborn zurück. Auch wenn Janosch ein bisschen verrückt ist, so ist er für mich doch wie ein Bro‘ geworden“, lacht der 21-Jährige, der außerdem stolz erzählt, dass er mit „Tschüss“ und „Guten Morgen“ schon zwei deutsche Ausdrücke gelernt hat. „Ich möchte auch bald Deutschkurse belegen“, fügt er hinzu.

Janosch Alt selbst hätte auch nicht gedacht, dass die Dinge so laufen würden: „Er ist wirklich ein super Typ und ist bei jedem Spiel als Fan dabei. Hier sieht man, dass Sport verbindet. Stephane ist ein gutes Beispiel, wie man sich integrieren kann. Er ist jedoch die Ausnahme, die die Regel (noch) nicht bestätigt. In puncto Integration der Flüchtlinge gibt es noch einiges zu tun. Der Sport könnte einer der Wege dorthin sein.“ (Quelle: Grenzecho vom 9.12.2015)